Konjunktur in Deutschland und Europa

Zustand und Ausblick

Zu Beginn des Jahres 2018 erscheint die Konjunktur im Euroraum weiter. Seit nunmehr vier Jahren in Folge lag das reale Wachstum des BIP über dem Potenzialwachstum, also dem Wachstum des BIP bei normaler Auslastung der Produktionskapazitäten. Im Jahre 2017 erhöhte sich das reale BIP kalenderbereinigt um ca. 2,5 %. Der Aufschwung betraf viele Bereiche der Wirtschaft, insbesondere die Industriekonjunktur. Damit einher ging eine niedrige Arbeitslosenquote und eine Rekordbeschäftigung. Auch im restlichen Euroraum sind Verbesserungen zu erkennen. Die Gesamtwachstumsrate (2,4 %) ist gewachsen und die Arbeitslosigkeit (8,7 % im Dezember 2017) hat sich verbessert. Der Aufschwung ist am Arbeitsmarkt angekommen, und europaweit sind nach den Untersuchungen von Ernst & Young 1,8 Millionen neue Stellen geschaffen worden.

Trotzdem ist zu vermelden, dass das Wachstum im Euroraum unter dem anderer Länder zum Teil deutlich zurückgeblieben ist. Die Entwicklung des Wirtschaftsklimas – von der EU-Kommission erhoben – war zwar positiv, blieb aber hinter den Erwartungen zurück. Wie sich das Wirtschaftsklima unter der neuen Koalition entwickeln wird, kann seriös noch nicht prognostiziert werden.

Insgesamt sind die Aussichten für Europa und Deutschland aber derzeit gut. Die Bundesbank erwartet für Deutschland einen Anstieg des BIP im Jahre 2018 von 2,5 %, 2019 von 1,7 % und im Jahr 2020 von 1,5 %. Für den Euroraum werden 2,3 %, 1,9 % und 1,7 % prognostiziert. Der wichtigste Faktor bei der Prognose ist eine robuste Binnennachfrage. Das ist jedoch deutlich weniger als das Weltwirtschaftswachstum, welches der Internationale Währungsfonds im Jahre 2018 auf 3,9 % schätzt. Daraus ist abzuleiten, dass der Anteil des Euroraums am Welthandel sinken wird.

Versäumte Chancen

Die früheren Indikatoren geben derzeit keine Warnhinweise. An dieser Stelle ist aber darauf hinzuweisen, dass die Strukturdefizite einiger Länder im Euroraum NICHT behoben wurden, obwohl die Niedrigzinspolitik den Staaten erhebliche Zinszahlungseinsparungen beschert hat. Sollte sich die allgemeine Lage – im Rahmen natürlicher Konjunkturschwankungen – wieder anspannen, so werden die alten Defizite erneut aufbrechen. Insbesondere der sogenannte Staaten-Banken-Nexus (gegenseitige Abhängigkeit von Staaten und heimischen Banken) ist nicht aufgelöst. Diese Verbindung führt dazu, dass bei Restrukturierungen der Schulden eines Euro-Staates das europäische Finanzsystem insgesamt gefährdet sein kann. Es wurde versäumt, in der Phase guter Konjunktur dieses Problem zu lösen: die hohen Forderungen von Kreditinstituten gegenüber dem heimischen öffentlichen Sektor haben sich in den vergangenen zehn Jahren sogar noch erhöht. Damit ist auch die Gefahr einer Häufung von Ausfallrisiken nicht beseitigt worden.

Erlauben Sie mir dazu einen kurzen Hinweis: Die Konzeption der Bankenaufsicht beinhaltet einen schweren prinzipiellen Fehler: die EZB ist Geldgeber und Kontrolleur zugleich, was einen Interessenkonflikt birgt, der zur Insolvenzverschleppung führen kann.

Risiken

Das Zinsänderungsrisiko ist virulent. Nach meiner Meinung ist die Wende zur Zinsänderung – d.h. eine Zinserhöhung – bereits erfolgt. Den Zinserhöhungen in den USA wird sich die Weltwirtschaft und damit auch Europa und Deutschland letztlich nicht entziehen können. Eine Zinswende ist schon deswegen überfällig, weil die zu tiefen Zinsen zu Kapitalfehllenkungen führen – bei niedrigen Zinsen rechnet sich fast jedes fremdfinanzierte Investment.

Eine wesentliche Messgröße für Zinsänderungsrisiken ist der „Baseler Zinsschock“. Er simuliert eine Änderung der Zinsstrukturkurve um 2 %. Ein Zinsänderungsrisiko wird dann als gegeben angenommen, wenn dadurch ein Verlust von 20 % des Eigenkapitals erwartet wird. Davon ist in Deutschland jedes zweite Kreditinstitut betroffen. Auch hier sind also die Hausaufgaben nicht gemacht worden. Die Verzahnung der verschiedenen Banken miteinander und vor allem die wechselseitige Haftung der Banken in der Bankenunion bergen das Risiko eines Dominoeffektes: fällt ein Stein, dann reißt er alle mit sich.

Das Risiko besteht, obwohl Banken und Sparkassen ihre Kreditgeschäfte mit Zinsbindungen von über zehn Jahren ausgeweitet haben, was Zinsänderungsrisiken prinzipiell dämpft.

Zwar haben die Banken in der Bankenunion die Bestände an Not leidenden Krediten verringert, doch muss zugleich festgestellt werden, dass die EZB sich zu einer gigantischen Bad-Bank entwickelt hat – sie hat Anleihen in ihr Depot aufgenommen, die zu den Preisen niemand sonst haben wollte.

Der Vollständigkeit möchte ich noch auf die weltpolitischen Risiken hinweisen. Niemand weiß wirklich, ob sich innere oder äußere Konflikte neu bilden oder bestehende sich ausweiten. Selbstverständlich würden sie die Konjunktur auch in Deutschland und Europa beeinflussen.

Generell

Der amerikanische der Ökonom Hyman Minski hat ein interessantes Phänomen beschrieben: bei einer guten Konjunktur werden Risiken eher unterschätzt und Chancen eher überschätzt. Der Grund dafür ist, dass die Menschen dazu neigen, Entwicklungen einfach in die Zukunft fortzuschreiben. In Phasen guter Konjunktur kann es deswegen zu unreflektiertem Optimismus und zu Blasenbildungen kommen. Solche Blasen drohen beispielsweise auf dem Immobiliensektor. Seit 2010 lag die jährliche Immobilien-Teuerungsrate bundesweit jährlich bei durchschnittlich 5,3 %. Parallel dazu haben sich die Vergabekriterien für private Baufinanzierungen leicht abgeschwächt. Die Größe und Bedeutung des Immobiliensektors ist sowohl für die Kredit wie auch die Baubranche von erheblicher Bedeutung – hier gilt es aufmerksam zu bleiben.

Abschließend: Im Euroraum wird der Spagat zwischen Handeln und Haften immer größer. Wir sollten endlich wieder dazu kommen, dass der Handelnde für sein Tun auch zur Verantwortung gezogen wird. Die in Europa sich ausbreitenden Haftungsverbünde (Rettungsschirme, Bankenunion, Europäischer Währungsfonds, Sozialunion) bewirken das Gegenteil. Wenn jeder für jeden haftet, fühlt sich niemand verantwortlich.