Gemeinschaftshaftung – eine gefährliche Erfindung

Haften alle für alle, dann haftet keiner – alle schieben die verantwortung auf andere. Aber werden wir konkreter:

Es war einmal wieder so weit: Die Saison war beendet. Nun sollte es zum gesellschaftlichen Höhepunkt kommen: dem alljährlichen gemeinsamen Essen. So also trifft man sich im Gasthof „Goldener Hahn“. Peter ist dabei, ebenso Wolfgang, Frank und siebzehn weitere Mitglieder der Mannschaft. „Wie wollen Sie zahlen?“, fragt die Bedienung, die die Bestellung aufnehmen will. „Alles zusammen aus einem Topf“, entgegnet Peter, der Mannschaftsführer.

So kommt es also zur Bestellung. Peter hat Appetit auf ein Bauernfrühstück. Dann bemerkt er aber, wie Wolfgang ein Rumpsteak bestellt und Frank sogar ein Filetsteak mit reichhaltigen Beilagen. Außerdem bekommt Peter mit, wie Wolfgang noch eine Kartoffelsuppe als Vorspeise ordert. Peter weiß, dass er diese Speisen anteilig mitbezahlen muss. Er möchte diesen Kosten einen adäquaten Genuss gegenübergestellt wissen. Er überlegt, was ihn ein Filetsteak (23,60 €) und eine Suppe (5,00 €) kosten würde. Er rechnet: (23,60 € + 5,00 €) / 20 Personen = 1,43 €. Er denkt: ‚So billig bekomme ich nie wieder ein Filetsteak und eine Suppe‘. Also bestellt er sich beides. Auch die anderen der Mannschaft greifen zu. Das Essen kommt. Die Biere werden rundenweise bestellt. Am Ende sind alle satt, aber da alles so billig ist, wird auch beim Nachtisch kräftig zugelangt. Letztlich kommt noch ein „Absacker“ dazu – das Essen soll schließlich richtig verdaut werden. Dann wird die Rechnung präsentiert. Irgendwann wird immer die Rechnung fällig. Und nun reiben sich alle die Augen. Die Rechnung ist mit 64,30 € je Kopf viel höher, als wenn jeder auf eigene Rechnung bestellt hätte. Wie konnte das nur passieren?

Die Erklärung ist einfach: Jeder hat auf das, was er bezahlen muss, nur einen geringen Einfluss. Er hat aber einen relativ großen Einfluss auf das, was er bekommt. Also versucht jeder, möglichst viel zu bekommen.[1] Bestellt er also viel, so handelt er in seinem Sinne richtig; denn er zahlt ja nur einen Bruchteil der von ihm verursachten Kosten. Obwohl es demnach für den Einzelnen sinnvoll ist, möglichst viel zu bestellen, führt genau dieses Verhalten dazu, dass das Ganze teurer (und damit unwirtschaftlicher) wird, als wenn jeder auf eigene Rechnung bestellt. Die Gemeinschaftshaftung unterminiert verantwortliches Handeln. Der Grund dafür ist der Bruch des Verursacherprinzips. Das Verursacherprinzip besagt, dass jeder für das aufkommen muss, was er selber verursacht hat. Wenn jeder für seine Ausgaben ALLEINE aufzukommen hat, wird er sich gründlicher überlegen, was er tut, und wofür er Geld ausgibt.

Aber wo finden wir diese Gemeinschaftshaftungen nun konkret in der praktischen Politik? In vielen öffentlichen Bereichen. Zum Beispiel im Bundeshaushalt. Bildlich gesprochen fließen alle Einnahmen in einen großen Topf, der dann verteilt wird. Natürlich streben alle Ressorts danach, aus diesem Topf möglichst viel zu bekommen. Denn: Umso mehr Geld beispielsweise der Verkehrsminister ausgeben kann, umso eher kann er brillieren: „Seht her, Bürger, was ich für euch erreicht habe.“ Das dürfte einer der Gründe dafür sein, dass Politiker im Zweifel mehr ausgeben, ja sogar Geld verschwenden. Der Bund der Steuerzahler hat dies immer wieder dokumentiert. Auch der Rechnungsprüfungshof stellt der Ausgabenkontrolle der Regierung nicht die besten Noten aus.

Im Ergebnis ist die Summe der Ausgaben höher, als die Steuereinnahmen. Die Lücke schließen neue Kredite. Wenn die Ausgaben höher ausfallen als geplant war, dann werden Nachtragshaushalte fällig. Durch sie werden die Mehrausgaben sanktioniert. Die Politik ist in der Erfindung der Gründe für Haushaltsüberschreitungen sehr kreativ.

[1] Das ist eine der Aussagen der Relativitätsökonomie: Das Grundprinzip wirtschaftlichen Handelns besagt, dass jeder bestrebt ist, möglichst viel für möglichst wenig zu bekommen. Hollnagel, Relativitätsökonomie, 2009, S. 120.