Deutschland auf dem Weg in die Rezession?

Dass Deutschland auf einen wirtschaftlichen Abschwung zusteuert, ist kein Geheimnis. Dieser Abschwung wird stärker sein, als die führenden Ökonomen dies in den letzten Jahren prognostizierten. Lange waren unsere Warnungen als Unkenrufe verschrien. Inzwischen aber gelangen auch Chefökonomen zu der Einsicht, dass es eine Vielzahl falsch getroffener politischer Entscheidungen gab und noch gibt, die sich mittelfristig auf die Wirtschaftskraft und auf die Portemonnaies der Bürger auswirken werden.

So lässt die Chefökonomin der OECD, Laurence Boone, verlauten, dass die sich ankündigende wirtschaftliche Flaute zwar im gesamten EU-Raum zu sehen sein, aber Deutschland ganz besonders treffen wird[1]. Die Vorreiterrolle bei der Energiewende mit allen Konsequenzen, und die nur schleppend verlaufende Digitalisierung, bedingen tiefgreifende strukturelle Veränderungen. Diesen wird man bisher nicht gerecht. Sie empfiehlt gezielte Investitionen, um Kompensationsmechanismen zu schaffen und die Auswirkungen der Umstellung abzufedern. Vor Krediten solle man dabei nicht zurückschrecken. Auch müsse angesichts der Globalisierung die Welthandelsorganisation modernisiert werden.

Auch die Ratingagentur Moody’s prognostiziert inzwischen einen bedenklichen Abschwung, der Deutschland deutlich stärker treffen wird, als andere Länder[2]. Insbesondere Lebensversicherungen seien davon betroffen, denn hierzulande sind Policen mit Zinsgarantien weit verbreitet. Angesichts der Negativzinsen ein Verlustgeschäft, so dass man befürchten muss, das Neugeschäft würde in absehbarer Zeit weitgehend eingestellt, und vorhandene Lebensversicherungen mit Zinsgarantie würden abgewickelt. Im vergangenen Jahr hätten die Lebensversicherungen insgesamt rund 6 Mrd. € für noch laufende Zinsgarantien zurücklegen müssen.

Doch woher soll das Geld für Investitionen und Rückstände letztlich kommen, mit welchem guten Gewissen will man Kredite aufnehmen? Die Steuereinnahmen sprudeln derzeit zwar – mancher Steuerzahler fühlt sich tatsächlich regelrecht ausgequetscht – doch die Staatsschulden werden nicht weniger. 1,9 Billionen Euro sind es inzwischen, aufgerechnet über Bundes-, Länder- und Gemeindeebene[3]. Dies ist nur wenig mehr als Ende 2018. Die Entwicklung der Verschuldung verläuft auch durchaus unterschiedlich von Bundesland zu Bundesland, von Gemeinde zu Gemeinde. Während bundesweit und auf Ebene der Gemeinden Schulden abgebaut werden konnten, nahm der Schuldenberg der Bundesländer im Schnitt um 1,2% zu. Einige Länder wie Bremen oder Sachsen-Anhalt lagen noch deutlich darüber. Wirtschaftsstarken Ländern und Gemeinden hingegen gelang es, Schulden abzubauen. Wenn nun aber zu Zeiten einer Hochkonjunktur Schulden nicht abgebaut werden, sondern der Schuldenberg sogar noch größer wird – wie soll das dann erst angesichts der nun auch offen prognostizierten wirtschaftlichen Flaute funktionieren?

Auch wenn man sich noch scheut, das Wort öffentlich in den Mund zu nehmen: wir sind auf dem Weg in eine Rezession.

Ifo Exporterwartungen im verarbeitenden Gewerbe (Saisonbereinigt)

Quelle: Ifo Institut

Ifo: „Die Exporterwartungen der Industrie sind im September auf – 5,2 Saldenpunkte gefallen von – 2,3 Saldenpunkten im August.[4]


[1] https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/interview-mit-oecd-oekonomin-oecd-sieht-nicht-nur-eine-konjunkturdelle-die-probleme-liegen-tiefer-als-wir-lange-dachten/25048568.html?ticket=ST-1206950-RJfosapGPpr6r2rIt1pU-ap5

[2] https://app.handelsblatt.com/politik/deutschland/haushalt-schulden-des-deutschen-staates-steigen-im-ersten-halbjahr-etwas/25049028.html?ticket=ST-1205905-OVcZK9wddEgVleTFhWRU-ap5

[3] https://www.wiwo.de/versicherer-ratingagentur-moodys-sieht-zunehmenden-druck-auf-deutsche-lebensversicherer-kommen/25051768.html

[4] https://www.ifo.de/node/45756