Niedrigzinspolitik und ihre möglichen Folgen

Sich über die derzeitige Situation klar zu werden, ist geboten, da viele Berichte von bevorstehenden schweren Finanzkrisen sprechen. Der Auslöser könnte u. a. ein Wirtschaftskrieg, ein Zinsanstieg, eine Bankenkrise oder ein Konjunkturabschwung sein.

Nach konventioneller Auffassung stimulieren niedrige Zinsen die Wirtschaftsaktivität; sie senken die Finanzierungskosten und animieren dadurch zu Investitionen und kreditfinanziertem Konsum. Ob dies immer zutrifft, und ob die Extrapolation bis in den negativen Bereich hinein gilt, muss bezweifelt werden.

Mit den niedrigen Dauerzinsen sind diverse Probleme verbunden.

A)

Festzustellen ist, dass trotz der niedrigsten nominellen Zinsen die niedrigsten Investitionsquoten der Nachkriegszeit zu verzeichnen sind.[1] Die möglichen betriebswirtschaftlichen Gründe können sein:

  • Wegen Marktsättigungstendenzen erscheinen Investitionen nicht lohnend.
  • Durch Negativzinsen werden Unternehmen zur Kreditaufnahme gedrängt. Doch Investitionen werden verstärkt ins Ausland (China und Schwellenländer) verlagert. In Zeiten der Globalisierung treten immer mehr Standortvorteile (Lohn-, Sozial-, Umweltkosten, Steuerlasten) in den Vordergrund, so dass Auslandsinvestitionen lukrativer erscheinen. Das schwächt einerseits die Inlandsinvestitionen und erhöht andererseits die Abhängigkeit der Schwellen- von Industrieländern.
  • Statt zu investieren kaufen Unternehmen lieber eigene Aktien und zahlen hohe Dividenden (ggf. durch Kredite finanziert).

Überschüsse der Leistungsbilanz führen in der Regel (siehe Schweizer Franken) zu einer starken Währung. Kapitalströme können hingegen diese Wirkung konterkarieren. Da Investitionen billig finanziert werden können, kommt es in bestimmten kapitalintensiven Bereichen zu Überproduktionen (Beispiel Fracking in Amerika) mit der Folge zum Teil sinkender Preise (Beispiel Rohöl). Das ist einer der Gründe für die geringe Inflation trotz Geldschwemme.

B)

Niedrige Zinsen erleichtern die Finanzierung von Schulden, verleiten deswegen zu ausufernder Schuldenaufnahme. Es kommt zur Zombifizierung der Wirtschaft (Firmen überleben nur deswegen, weil sich Zinsen für Kredite nahe Null bewegen) und erhöhen so die Krisenanfälligkeit.

C)

Je niedriger die Zinsen sind, desto geringer erfüllt der Zins die Funktion der Kapitallenkung im Sinne der Abschätzung des Verhältnisses von Chancen/Risiken: Die Zinshöhe spiegelt nicht mehr das Risiko wieder. Zudem senkt der Gewöhnungseffekt (es ist doch alles gut gegangen) die Risikosensibilität. Auf der Suche nach lukrativen Anlagen werden immer höhere Risiken eingegangen. Es kommt zur Kapitalfehllenkung, zu verminderter volkswirtschaftlicher Effektivität, und so zur Wohlstandsminderung.

D)

Wenn die Nachfrage durch günstige Kredite angeheizt wird, kann es zu Blasensbildungen in der Wirtschaft kommen, bei denen die Preise von Produkten (z. B. bei Immobilien) deutlich über ihren inneren Wert steigen. Es kann zur Vermögensillusion führen – eine Fehleinschätzung von Vermögenswerten. Es kann auch zu Fehlinvestitionen kommen. Kapitalanlagen rentieren kaum noch.

Um vorgegebene Anlageziele zu erreichen, werden Anlagen „gehebelt“ (durch Kredite aufgebläht), wodurch deren Risiko noch erheblich steigt. Geldanlagen rentieren nicht mehr. Pensionsfonds, Versicherungen, Kapitallebensversicherungen und Sparfonds erwirtschaften keine hinreichend hohen Erträge. Es kommt zu einem Anlagenotstand. Die Altersvorsorge gerät in Schieflage. Bei betrieblichen Renten können Pensionszusagen zu spürbaren Belastungen der Gewinne der garantierenden Unternehmen führen und deren Wirtschaftskraft schwächen.

E)

Die übliche Haupteinnahmequelle für Banken war das Zinsdifferenzgeschäft: Sie verleihen Geld zu hohen Zinsen und refinanzieren sich zu tiefen Zinsen. Bei tiefen Zinsen und hohem Wettbewerbsdruck

  • erodieren die Gewinne der Banken und
  • es werden die Kredit-Risiken den Banken nicht durch entsprechend hohe Zinsen vergütet. Bei verminderten Erträgen aus Kreditgeschäften steigen für die Banken die Risiken.

F)

Die EZB befindet sich in einem Dilemma: erhöht sie die Zinsen, geraten Staaten und Unternehmen in Zahlungsschwierigkeiten, weil sie zu viele Kredite angehäuft haben. Bleiben die Zinsen tief oder sinken sie noch weiter, wird Solidität durch Kaufkraftverluste des Geldes bestraft; Sparen lohnt sich nicht, Banken, Versicherungen und Fonds verlieren Einkommen.

G)

Negativzinsen, die Zentralbanken im Auftrag der EZB vereinnahmen, kommen dem Bundeshaushalt zugute. Es handelt sich also um eine verkappte Vermögensteuer, die nur Geldbesitzer bezahlen müssen (grundgesetzwidrig?) und die zur Umverteilung von Geldbesitzern zum Staat führt. Dadurch wird das Geld weniger (eigen-) verantwortlich eingesetzt, und zum politischen Instrumentarium.

H)

Extrem niedrige oder gar negative Zinsen sind nicht marktwirtschaftlich, weil sie dem Verursacherprinzip wiedersprechen, indem sie das Risiko und den Nutzenverzicht des Ausleihers nicht vergüten. Sie widersprechen dem Leistungsprinzip, weil „Gewinne“ (durch negative Zinsen) ohne Leistung vereinnahmt werden können.

I)

Das Zinsdiktat der EZB führt zu absurden Verhältnissen. Die EU und die EZB manipulieren in zweifacher Weise die Zinsen:

  • Zum einen diktiert die EZB (durch Senkung des Leitzinses auf Null, und umfangreiche Anleihekäufe) die Zinsen derart, dass Sparer, Pensionsfonds und Versicherungen Kaufkraftverluste, und sogar Negativzinsen, hinnehmen müssen, und Banken eine wichtige Ertragsquelle – das Zinsdifferenz-Geschäft – abhanden kommt.
  • Da den Risiken oft keine adäquaten Gewinne gegenüberstehen, kommt es bei Unternehmen zur Investitionsverweigerung. Um die Investitionsbereitschaft zu steigern, übernimmt die öffentliche Hand zum Teil Ausfallbürgschaften. Dies geschieht durch den Junker-Plan bzw. „Invest-EU“ (ca. 30 Mrd. €).

Die Folge: Durch den willkürlichen Eingriff kommt es zu Fehlallokationen. Das Risiko für die Steuerzahler wird noch dadurch erhöht, dass eine Hebelung der ca. 30 Mrd. € öffentlichen Gelder auf mehrere hundert Mrd. € erfolgen kann.


[1] Deutsche Wirtschaftsnachrichten 27.11.2019: Anatomie einer Jahrhundertblase