Die EZB-Negativzins-Politik wird scheitern

Wer sich mit einer Expedition auf neues Terrain begibt, sollte auf Überraschungen vorbereitet sein. Das gilt auch für die aus der Mathematik bekannte Form der Extrapolation.

Schon das klassische Preisbildungsgesetz lässt erwarten, dass es einen optimalen – das bedeutet hier Umsatz maximierenden – Preis für ausgeliehenes Geld gibt. Schon dies legt nahe, dass zu tiefe Zinsen für die Volkswirtschaft (im Sinne der Umsatzsteigerung, und damit Teilhabe an der Wirtschaft) ungünstig sind.

Die Kreditnachfrage

Wer einen zu verzinsenden Kredit aufnimmt, muss sich sicher sein, Zins und Tilgung bedienen zu können. Für Investitionen bedeutet dies, dass bei hohen Zinsen eine entsprechend hohe Rentabilität erwartet werden muss. Da ihr natürliche Grenzen gesetzt sind, ist die Nachfrage bei steigenden Zinsen ebenso nach oben hin begrenzt[1].

Mit abnehmenden Zinsen sinkt die Renditeerfordernis. Werden die Zinsen gar negativ, kann die Rendite sogar unter null sinken, ohne dass der Kreditnehmer notleidend wird; denn der Kreditnehmer bekommt Geld geschenkt – je höher die Ausleihungen, desto mehr –. Die Kreditnachfrage wird somit theoretisch unendlich hoch. Da der grenzenlosen (geschenkten) Geldmenge nur eine begrenzte Gütermenge gegenübersteht, müsste das Geld schließlich wertlos(er) werden, was schon jetzt auch sektoral (Immobilien) zu beobachten ist.

Das Kreditangebot

Der Kreditgeber muss mit dem Zinserlös sowohl seine Kredit-Kosten[2] als auch seine Kredit-Risiken abdecken. Umso höher der Zinsspread[3] ist, desto mehr lohnt sich für die Kreditgeber das Geschäft. Je tiefer die Kreditzinsen sind, desto weniger Spielraum hat er, um Kreditkosten und -Risiken abzudecken. Daraus ergibt sich eine Konsequenz: unterschreitet der Zins eine bestimmte Zinsspread-Schwelle, dann führen Kosten und Risiken der Kreditvergabe zu Verlusten bei den Kreditgebern. Die Angebotskurve müsste in Richtung Null-Zinsen theoretisch auf Null fallen.

Mit zunehmenden Negativzinsen steigt das Kreditangebot aber wieder! Warum? Dafür gibt es folgende wesentliche Gründe:

  • Die Heile-Welt-Illusion. Sie beruht darauf, dass, wer keine Zinsen bezahlen muss, nicht in Zins-Verzug geraten kann. Die dann sinkende Zahl notleidender Kredite suggeriert eine heile Kreditwelt. Die Risikosensitivität nimmt ab. Je länger eine solche Situation anhält, desto normaler erscheint sie: Die Gewöhnung negiert die Risiken. Kredite werden leichtfertiger vergeben.
  • Banken befinden sich in Kreditvergabe-Dilemmata.
  • Auf der einen Seite verlieren Banken mit Barbeständen (durch Negativzinsen) Geld, andererseits gehen sie bei der Kreditvergabe Risiken ein, die durch den Zinsspread nicht gedeckt sind.[4] Da es zunächst „nur“ kalkulatorische, nicht sofort sichtbare Risiken, sind, vergeben die Banken zunehmend Kredite.
  • Für Kredite müssen Banken Mindestreserven bei den Zentralbanken hinterlegen. Je höher diese sind – je mehr Kredite sie vergeben haben – desto mehr Negativzinsen müssen sie zahlen. Um diese zu verdienen, müssen sie mehr Kredite vergeben. … Die Spirale beginnt sich zu drehen: Banken werden in unlukrativer Kreditgeschäfte gedrängt.

Die Kombination der Kreditdilemmata und die Heile-Welt-Illusion führt zu Kapitalfehllenkungen und zur Zombifizierung der Wirtschaft, deren Spezifikum es ist, dass Risiken sich nicht in angemessener Weise in Haben-Zinsen widerspiegeln. Dadurch steigt die Krisenanfälligkeit der Wirtschaft. Sie wird noch verstärkt durch eine zunehmende Spar-Aversion in Folge der Negativzinsen (sparen lohnt sich nicht)[5]. Die Volkswirtschaft wird immer anfälliger gegen Zinssteigerungen und gerät so in eine Zinsfalle: Zinssteigerungen würden zu Konkursen führen und Staaten in Zahlungsschwierigkeiten. Die Risiken steigen nun unübersehbar und befördern weitere Zinssteigerungen.

Wegen des geringen Risikopuffers der Kreditgeber werden diese nur Geld an „sichere“ Abnehmer verleihen. Vor allem sie bekommen – wegen der Negativzinsen – Geld geschenkt: der Kreditmarkt wird gespalten, die Reichen werden reicher. In der Folge besteht die Gefahr vermehrter gesellschaftlicher Spannungen.

Wichtig ist es zu erwähnen, dass extrem tiefe Zinsen die Kapital-Effizienz einer ganzen Wirtschaft und damit das Wohlstandsniveau (durch eine Zombifizierung und Kapitalfehllenkung) insgesamt drückt.

Die geringe Zinsspanne raubt den Kreditgebern (Banken) eine wichtige Ertragsquelle und gefährdet deren Existenz. Sie geraten zunehmend in Abhängigkeiten von Zentralbanken. In einer solchen Situation droht eine Übernehme der Geschäftsbanken durch Staaten oder die EZB. Das wäre der Todesstoß für die soziale Marktwirtschaft.

Politisch kommt hinzu, dass die staatlichen Parlamente durch die EZB zum Teil entmachtet werden, dadurch dass sie

  1. in die Wirtschaftspolitik und damit in das Hoheitsrecht der nationalen Parlamente durch ihre Zinspolitik und Anleihekäufe[6] und
  2. in die Steuerhoheit der nationalen Parlamente eingreift, indem sie Barvermögen mit Zinslasten belegt, die als zusätzliche Gewinne der nationalen Zentralbanken in die nationalen Haushalte fließen. Im Ergebnis bewirken die Negativzinsen eine Vermögensabgabe für Barguthaben an den Staat.

Insgesamt ist also festzustellen, dass die EZB ein gefährliches Spiel treibt. Die EZB suggeriert: Machen Sie sich keine Sorgen, das Geld wird reichen.[7] Sie verstellt damit – vorsätzlich (?) – den Blick für die Fehlentwicklungen und Risiken. So werden überfällige Lösungsansätze gar nicht erst gedacht. Das Experiment wird scheitern. Die Schäden werden die Vorstellungskraft übersteigen.


[1] Selbst Notkredite, die sich dadurch auszeichnen, dass man unbedingt Geld braucht, haben ihre Grenzen.

[2] Dazu zählen Personl-, Raum- und natürlich auch Geldbeschaffungskosten.

[3] Zinsspread, Zinsschere: Die Zinsdifferenz zwischen ver- und geliehenem Geld.

[4] Wie problematisch das sein kann, zeigt die aktuelle Corona-Lockdown-Krise, infolge der vermeintlich sichere Kreditgeber (z. B. aus dem Bereich der Touristik) überraschend zu offensichtlichen Risikofällen werden.

[5] Alleine die wegen Corona herrschende Angst treibt Menschen zum Sparen an. Aber schon jetzt haben ca. 30 % der deutschen Haushalte keinerlei Sparvermögen.

[6] wie das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil am 5. Mai 2020 richtig festgestellt hat.

[7] 26. Juli 2012: „Innerhalb ihres Mandats ist die EZB bereit, alles zu tun, um den Euro zu retten“, sagt Draghi. „Und glauben Sie mir – es wird reichen.“ https://www.welt.de/wirtschaft/article118017767/Draghi-wird-ein-Tabu-brechen-oder-Panik-ausloesen.html